Kanada Ost 2024
Meine Weltreise Teil 2
Sechs Wochen später
Die Sommerferien dauern zwei Monate für die kanadischen Schüler*innen. In den deutschen Sommerferien kam Silvia für vier Wochen nach Kanada geflogen, so dass ich in dieser Zeit meine Website nicht bearbeitet habe. Erst jetzt - wieder alleine auf dem Weg nach Yukon im Norden - möchte ich versuchen, die Highlights von Westkanada mit euch zu teilen. Wir schreiben heute den 8. August 2024.
Winnipeg in Manitoba
Von Thunderbay im Westen von Ontario muss ich recht schnell in die Prärie-Provinzen fahren. Denn von Winnipeg, der Hauptstadt von Manitoba, habe ich für den 25. 6. einen Flug gebucht nach Halifax. Dort findet die Waldorf East Conference statt, zu der ich eingeladen bin. In den Räumen der South Shore Waldorfschool auf Nova Scotia gibt es drei Tage lang Vorträge, Workshops und künstlerische Kurse für Eltern, Freunde und interessierte Menschen.
Also fahre ich in zwei Tagen die 750 km lange Strecke ins Herzland von Kanda. Hier beginnt auch die dritte Zeitzone nach Atlantic und Eastern Time: Central Time, 7 Stunden hinter Berlin-Zeit (MEZ), d.h. wenn ihr in Deutschland um 13 Uhr Mittag esst, stehe ich um 6 Uhr in Manitoba auf.
Die Prärie-Provinzen
Die Landschaft ändert sich schlagartig mit der Grenze von Ontario zu Manitoba: die Berge, Seen und Wälder verschwinden völlig und machen einer weiten Ebene Platz. Diese erstreckt sich bis zu allen Horizonten! Der Himmel wölbt sich darüber und die Wolkenformationen kommen zur Geltung. Nicht umsonst heißt das Motto der zweiten Prärieprovinz Saskatchewan „Land of Living Skies“. Es steht auf allen Nummernschildern der Autos, die in der Provinz zugelassen sind. Damit identifizieren sich die Menschen; und es ist wirklich passend für jede Provinz.
Das könnten wir in Deutschland auch mal probieren: Was ist das Besondere eines jeden Bundeslandes? Können wir das auf den Punkt bringen? Für Quebec war es das Rückwärtsgewandte „Je me souviens“ („Ich erinnere mich“, dh. an meine französischen Wurzeln), für Ontario das zukunftsorientierte „Discover our country“ (die Kultur- und Wirtschaftsmetropolen Kanadas), für Manitoba das herzliche „Friendly Manitoba“, oder für Alberta das „Wild rose country“, dessen rauhe Schönheit erst entdeckt werden will.
Zurück zu den Prärieprovinzen: Es sind natürlich Agrarprovinzen erster Güte! Wo sich vor 150 Jahren noch 150 Millionen Bisons tummelten, stehen nun die Rinder auf der Weide und dienen den Menschen mit bestem AAA-Fleisch. Ebenso sind hier die Kornkammern Kanadas zu Hause! Man kann es sicherlich auch in Zahlen ausdrücken, aber es ist mehr als klar, dass der Weizen für alle Brote hier wächst. Was der Punjab für Indien ist, sind Alberta, Saskatchewan und Manitoba für Kanada.
Menschliche Begegnungen
Von den anthroposophischen Freunden aus Hesporus in Toronto hatte ich zwei Adressen um Winnipeg erhalten. Als ich bei Alice in Cooks Creek anrief, lud sie mich spontan zum Dinner ein, was mich natürlich nach der langen Autofahrt sehr freute. Da begegnen sich also wildfremde Menschen und erzählen sich die Geschichten ihres Lebens. Und wir fühlten uns so nah verbunden, da die äußeren Stationen unserer Biografien durch Schicksalsschläge bestimmt wurden, die nicht in des Menschen Hand liegen, sondern von Mächten, die die roten Fäden ins Netz des Lebens weben.
Jeder Mensch, der seine Biografie wie von außen anschaut, wird zugeben können, dass das Wenigste im Leben durch eigenen Antrieb erreicht wurde, sondern viel mehr durch das Zusammentreffen mit anderen Menschen im richtigen Zeitpunkt und am richtigen Ort. Der Einfluss der menschlichen Begegnungen hat oft den größten Einfluss auf unser Leben; das gilt von der Kindheit an über die Vorbilder in der Jugend, den Freund*innen bis hin zu den besonderen Persönlichkeiten, die unser Leben geprägt haben. Ich habe es so erlebt und meine Gesprächspartner*innen ebenfalls.
Ohne ihr herzkrankes Kind hätten sie nicht nach einer besonderen Erziehung Ausschau gehalten. Diese fanden sie in der Waldorfpädagogik - und diese wiederum brachte sie durch ganz Kanada bis nach England zu anthroposophischen Einrichtungen in Stroud und zum Ruskin Mill Trust von Aonghus Gordon in Stourbridge. Nach all den Aufenthalten außerhalb der Prärieprovinz zog es Alice und ihren Mann wieder zurück nach Winnipeg, wo eben der Himmel so besonders nah zu erleben ist…
Wir besuchen die „Prärie-Kathedrale“ der Ukrainischen Kirche; so viele Menschen aus der Ukraine sind hierher seit 200 Jahren in Wellen immigriert. Vielleicht erinnerte sie die Weite an ihre eigene Heimat und an das Verbundensein mit der Erde als Bauer und Bäurin. Auch die Familie von Alice, die ich besucht habe, hat mennonitische Wurzeln.
Mennonite Herritage in Steinbach: Als Wiedertäufer (nur Erwachsene soll man taufen), Pazifisten (nehmen keine Waffe in die Hand) und Eidverweigerer (geloben also keine Treue gegenüber der Obrigkeit) wurden die Mennoniten überall in Europa verfolgt; so suchten sie hier in Manitoba’s Süden eine neue Heimat. Es war alles andere als leicht. Die erste Generation fand schnell den TOD, die zweite nur die NOT und erst die dritte das BROT.
Ein Beispiel für christliche Glaubensstärke: Der Mennonit Dirk Willems rettet seinen Verfolger. Wegen seines Glaubens war er in den Niederlanden eingesperrt worden, konnte aber über einen zugefrorenen Fluss fliehen, wurde verfolgt, sieht seinen Verfolger ins Eis einbrechen und dreht um, um dem um Hilfe Rufenden zu helfen. Umgehend wird er wieder eingesperrt und im Mai 1569 verbrannt. Wie soll man das kommentieren?
“The Forks“ und das Human Rights Museum in Winnipeg
Wo die beiden Flüsse Assiniboin und Red River zusammentreffen, liegt der Forks (=Gabel)-Park. Seit 6000 Jahren haben die First Nations hier gelebt, gefischt und gehandelt. Vor 300 Jahren kamen die Franzosen dazu mit ihrer North-West Company, Louis Reil erkämpfte hier die Rechte für die Nachfahren von weißen Siedlern und indigenen Frauen, die Metis. Manitoba wurde so 1870 eigenständige Provinz und durch die Eisenbahn sowohl an die Atlantik- als auch an die Pazifikküste angeschlossen, so dass nun neue Immigrantenströme aus aller Welt nach Winnipeg kommen können.
Genau hier in „The Forks“ steht das Human Rights Museum - mit Mahatma Gandhifigur am Eingang, Nelson Mandela-Zitaten im Innern. Es ist beeindruckend, wie genau die Geschichte der Unterdrückung beleuchtet wird. Bilder, Filme, Berichte von Betroffenen gegen zu Herzen: die Ungleichheit von Frauen, Indigenen, Schwarzen, LGBTQ+, Japanern ab 1940, keine Aufnahme jüdischer Flüchtige aus Nazideutschland,… Besonders gut hat mir die Ausstellung über die Rolle der Musik im Kampf gegen Unterdrückung und Ungleichheit gefallen. Denn Musik schafft die emotionale Mobilisierung von Menschenmengen, von „WIR“-Gefühl und Identität! Musik unterstützt den Kampf um Menschenrechte!
Ein kleiner Wermutstropfen zum Schluss: Was begründet eigentlich die Menschenrechte? Natürlich die Würde des Menschen. Jeder Mensch ist einzigartig und deshalb in seiner freien Entfaltung zu achten. So weit, so gut. Bis hierhin wird die Definition gegeben mit dem Zusatz, dass sich alle Religionen und humanistischen Philosophien in diesem Punkte einig sind, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Aber langt das? Erst die Bemühung um die Erkenntnis „Wer bin ich?“ kann zu der Erfahrung führen, dass ich nicht nur einen Leib und eine Seele habe, sondern dass ich auch ein geistiges Wesen bin. Und dieses Erlebnis des eigenen ewigen Wesenskerns begründet den Respekt vor dem anderen Menschen, dem DU. Das Geistwesen des Menschen begründet seine Unantastbarkeit, seine Würde!
Waldorf East Conference 28.-30. Juni 2024 in Southshore Waldorfschool
Die Klassenlehrerin der 4.und 5. Klasse der SSWS hatte mich bei meinem Besuch Anfang Mai gefragt, ob ich die Tagung mit einem Beitrag bereichern könne. Wie solle das gehen, fragte ich zurück, da ich Ende Juli bereits 3000 km weiter im Herzen Kanadas sein werde. Den Flug würde ich bezahlt bekommen, hieß es ganz lapidar. Also las ich das Programm und hatte eine Idee.
„Rebuilding Strength and Spirit for the Next Generation“
Als Hauptredner war Rein Buyze aus Südafrika eingeladen, der als Waldorf-Oberstufenlehrer dort gearbeitet und jetzt eine eigene Schule mit Schwerpunkt auf Naturerfahrung aufgebaut hat. Wie spannend! Natürlich ist klar, dass Kinder durch hautnahe Erlebnisse eine intensive Beziehung zur Natur aufbauen können. In Kanada wird das Lernen außerhalb des Klassenzimmers, also durch Outdoor-Projekte, sogar vom Staat gefördert (da weht der Pioniergeist der Siedler, aber auch der Geist der First Nations mit)! Lebenstüchtig werden durch direkte Aktionen, nicht nur Bücherwissen in sich hineinfressen und zum Wasserkopf mutieren.
So weit, so gut, dachte ich mir. Die Naturkunde-Epochen der Waldorfschule bieten die ideale Ergänzung dazu. Bei aller Wichtigkeit von Naturerfahrungen - diese müssen danach aufgearbeitet, durchdrungen und letztlich verstanden werden! Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den Tieren und dem Mensch, welche Beziehung haben wir zum Pflanzenreich? Das sind existenzielle Fragen, von deren Beantwortung nichts Geringeres als das Überleben der Menschheit und unseres Planeten abhängt. Finden wir einen Zugang zum Geist in der Natur? Dann ist der Stellenwert von Ökologie und Klimaschutz nicht abhängig von der aktuellen politischen Situation (2019 das Topthema, 2024 gibt es „wichtigere“ Themen). Unser Umgang mit der Natur ist der Spiegel unseres Selbstverständnisses, unseres Menschenbildes. Der Spruch über dem Apollotempel in Dephi hieß: „Erkenne dich selbst!“ Und er ist universell gültig: Verstehst du dich selber als Geistwesen, wirst du den Geist in der Natur verstehen lernen.
Also entschied ich mich dafür, einen Vortrag über die Methode zum Verständnis des Lebendigen in der Natur zu geben; beispielhaft mit meinem Lieblingsthema, den Bäumen, und dann konkret anhand der Tierkunde- und Pflanzenkundeepochen in der Mittelstufe. Es sind die schönsten Epochen für einen Klassenlehrer und hier unterscheiden wir uns am stärksten von dem Biologieunterricht der staatlichen Schulen.
Dieses Bild hat Vienie, die Klassenlehrerin der 4./5. Klasse gemalt. In der ersten Geschichtsepoche werden die alten Kulturen behandelt, also auch Indien und der Buddhismus. Die Kinder übertragen Bilder und Texte in ihr Epochenheft und gestalten es zum eigenen Geschichtsbuch.
In der Jurte findet einer der vielen künstlerischen Kurse statt: das Schnitzen eines Holzlöffels in drei Tagen. Ed Edelstein von der Waldorfschule Toronto leitete den Kurs. Vom Spalten des Baumstamms über das grobe Formgeben mit Säge und Schnitzeisen bis zum Feinarbeiten und Schleifen zum perfekten Ergebnis. Das klassische Projekt des Waldorf-Werkunterrichtes einer 6. Klasse!
Hier hält Ben seinen Löffel aus Butternut (weiße Walnuß) in der Hand. Ich durfte ihn im Mai für einige Tage mit seiner 2./3. Klasse begleiten und beraten. Nun war es ein freudiges Wiedersehen auf der Tagung.
Schlussbetrachtung
So eine Tagung in Kanada ist etwas völlig anderes als ich das von Deutschland kenne. Der Ablauf mit gemeinsamem Singen und Bewegen am Morgen mag äußerlich gleich erscheinen, aber die Stimmung ist herzlicher und von großer Positivität getragen. Auch zwischendurch nimmt man sich intensiv wahr und baut an einer Beziehung zum anderen, die über die Tagung hinaus reicht. Insofern war die Conference ein guter Baustein für die Zukunft der Waldorfpädagogik in Nova Scotia. Hierher würde ich jederzeit wiederkommen…
Thunder
-bay
Dieser Stadt muss man ein eigenes Kapitel widmen. Und zwar wegen der historischen Bedeutung als Knotenpunkt der Handelsströme vom Nordwesten Kanadas Richtung Osten über die Lakes zum Atlantik.
Heute verläuft die Canadian Railway durch die Stadt mit großem Bahnhof und nicht zuletzt der Trans Canada Highway!
Fort Williams Historic Parc
Wir schreiben das Jahr 1814, als die North West Company hier ihren Sitz hatte und alles bündelte, was an Pelzen aus den unvorstellbar großen Urwald- und Seenlandschaften angeliefert wurde. Die Trapper, die Voyageurs, die Fallensteller, alle brachten ihre Biber-, Otter-, Hermelin- und Fuchsfelle über die Flüsse hierher, wo sie gewogen, verpackt und weiter verschifft wurden. Auf zehn Meter langen Kanus aus Birkenrinde konnten 5000 kg nach Montreal transportiert werden! Bis 1860 war es in England Mode, Hüte aus Pelz zu tragen, so dass die Nachfrage groß war. Der Handel florierte.
Ich kann nur den Hut davor ziehen, wie die Pelzjäger vor 200 Jahren gelebt haben. Drei Monate dauerte es, um bis in die Northwest Territories zu gelangen. Umgekehrt mussten jeder Zinnbecher, jede gute Klinge, jedes Beil, alle Arten von Stoff aus dem fernen Europa angeliefert werden! Ich versuche mir das vorzustellen, wie lange das damals gedauert haben muss! Und wie kostbar die Dinge des Alltags gewesen sein müssen.
Ich bekomme eine kostenlose Führung (es ist heute am 21.6. The Day of First Nations) durch das Fort mit Jean Baptiste, der eigentlich Lehrer werden will und in der Sommerzeit in die Rolle des französischen Pelthändlers schlüpft. Interessanterweise kennt er auch die Waldorfschule in Thunderbay: “The Northlight”.
David Thompsons Landkarte von 1812
20 Jahre hat diese Kartograph a seiner MAP of the NORTHWEST TERRITORIES gearbeitet. Dazu musste er alle Gegenden vor Ort aufsuchen, zeichnen und dann auf dieses 2 x 3 m-Werk übertragen. Ich liebe ja Karten! Dieses Werk ist eine Meisterleistung! Selbst die heute von Satelliten fotografierten Bilder weichen nur hier und da um einen Kilometer von Thompsons Karte ab.
Der Blick auf Thunderbay mit der ausladenden Bucht zum Superior Lake vom Mount McKay aus gesehen.
Das ist der Mount McKay, der über Thunderbay wacht. Natürlich ist dieses Gebiet wieder im Besitz der Ojibwe-Stämme, die seit 6000 Jahren hier leben und Handel treiben.
Lake Superior
Auf dem Trans Canada Highway geht die Fahrt am Ufer des größten der fünf Seen weiter: Die Stadt Sault Ste. Marie im Osten ist bekannt für die Schleusen zwischen den beiden Seen, Thunderbay im Westen ist der zentrale Ort für die Expeditionen in die Wälder und Prärielandschaften von Kanadas riesigen Nordwesten.
Insgesamt eine Strecke von 750 km!
Eine Traumstraße bis Wawa
Die Berge reichen bis an den See heran und für Browny wird die Fahrt anstrengend: bergauf im dritten Gang, bergab im fünften. Das Hin- und herschalten ist zwar nervig, aber die Aussichten sind dafür spektakulär. Die Küste ist keine Linie, sondern in tiefe Buchten eingeschnitten, kleine kahle Felseninseln liegen davor oder größere bewaldete Inseln, die sich von den weit in den Seen ragenden Landzungen kaum unterscheiden lassen. Ein bisschen wie die norwegische Schärenküste, die ja auch vom Gletschereis geformt wurde. Auch die Granitaufschlüsse sind ein Augenschmaus; es gibt den klassischen weißen Granit, der dann auch eine rosa bis rote Farbe annehmen kann, den Gneis in Lagen geschiefert wie im Wallis und immer wieder von schwarzen Basaltströmen durchzogen! Alles das bietet der uralte “Kanadische Schild”.
Waldorf East Conference vom 28. bis 30. Juni 24
"Rebuilding Strength and Spirit for the next Generation”
Bevor ich Nova Scotia verlassen habe, fragte mich die Klassenlehrerin der 4/5. Klasse der South Shore Waldorfschool, ob ich nicht zur Tagung Ende Juni kommen könnte, um einen Vortrag zu halten und einen Workshop anzubieten. Das klang ja sehr schmeichelhaft, aber um diese Zeit wollte ich weit weg, tief im Herzen von Kanada sein. Na ja, dann würde man mir den Flug bezahlen, hieß es. Ich wollte mir das gründlich überlegen. Als ich das Programm geschickt bekam, war die Rede von einem neuen Naturverständnis durch unsere Pädagogik. Der südafrikanische Waldorfpädagoge Rein Buyze war eingeladen, um über Erlebnispädagogik zu sprechen, also über die Notwendigkeit von elementaren Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen an und mit der Natur: das ist das Thema für Kanada: Die staatlichen Schulen unterstützen solche Projekte in ihrem Land, das nicht nur so viel Natur bietet, sondern das auch an die Pioniertaten der europäischen Siedler erinnern möchte, die erst einmal mit der unbändigen Natur ringen mussten, um überleben leben zu können!
Prima, dachte ich, das ist ja wunderbar. Ein neuer Zugang zur Natur eröffnet sich den Kindern natürlich durch starke Sinneserfahrungen. Aber diese bedürfen auch der gedanklichen Durchdringung; und die leistete die Waldorfpädagogik mit ihren klassischen Epochen zur Naturkunde. Meine Lieblingsepochen! Also war klar, dass ich den Veranstaltern der Conference zusagen muss.
Work and Travel
Während ich also die schöne Landschaft am Lake Superior genieße, schreibe ich vormittags an meinem Konzept für den Vortrag. In Englisch ist das ja keine Kleinigkeit, da ich grundsätzlich nur “easy english” spreche. Mir fehlen der Wortschatz, die Vokabeln für spezielle Ausdrücke und typische Redewendungen. Alles das muss ich nachschlagen und aufschreiben! In diesen zwei Wochen habe ich genügend Zeit, um mich vorzubereiten.
Der Tacho zeigt die Marke von 290 000 km an. Also 7000 km habe ich bereits in Kanada zurückgelegt.
Abends ist noch Zeit für die Deutschlandspiele im Rahmen der Europameisterschaft. Das Sommermärchen 2024 wird immer realer.
Aufbruch nach Westen
Nun habe ich den südlichsten Punkt von Kanada erreicht und muss mich sputen, um in den nächsten Wochen 3500 km weiter nach Westen zu kommen, wo ich Silvia in knapp vier Wochen treffen werde. Es geht noch einmal zurück nach Toronto, wo ich meine neue Sony-Kamera reparieren lassen musste, da das Mainboard nicht mehr funktionierte. Aber danach beginnt die Fahrt entlang der Seen bis nach Thunderbay am Ende des Lake Superior und dann in die Präriehauptstadt Winnipeg.
Manitoulin Island
Mitten im Lake Huron liegt Manitoulin Island, die dem Großen Geist der First Nation-Stämme geweiht ist. Hierhin kamen sei, um ihre Inspirationen und Visionen zu empfangen. Besonders die Anishinabe-Indianer ehren die alten Traditionen. Jedes Jahr finden mehrere POWOWs statt, die Zusammenkünfte in der Sommerzeit, bei denen in den traditionellen Kleidern getanzt, Musik gemacht und gesungen wird. Leider fällt das angekündigte Powow in Wiigwamkoog aus, das ich nur zu gerne besucht hätte. Im August erst findet das größte Treffen statt.
Dafür besuche ich die höchste Erhebung der Insel, eine 12 km lange Steilwand, die geologisch zum Niagara Escarpment gehört, einer Kalksteinstufe, die sich über Hunderte von Kilometern bis zu den Niagarafällen zieht. Von oben genieße ich die prächtige Aussicht auf die tiefblauen Seen der Insel, die saftiggrünen Wälder, die wie ein Pelz die Insel schützen, und auf “Cup and Saucer“, nach denen der Trail benannt ist. Hier schlägt für mich das Herz von Manitoulin Island. Hier verbinden sich Himmel und Erde.
An der Küste im Süden ist es auch schön, aber auch “normaler”. Noch sind nicht allzu viele einheimische Touristen hier, aber überall künden die Schilder: NO OVERNIGHT STAY! So muss ich lange suchen, um einen Platz für die Nacht zu finden. Der Weg führt zu einem großen Windrad, wo er endet und ich einfach stehenbleiben kann…
Lake Huron
Eine Autostunde westlich von London liegt der Lake Huron, einer der großen Seen Nordamerikas. Er wird für die Sauberkeit seines Wasser gerühmt und zieht die Menschen aus dem stark bevölkerten Ontario an. Freies Campen, das habe ich leider oft erfahren müssen, ist deshalb schwierig, so dass ich mich entscheide, den Pinery Provincial Park zu besuchen, der mich without servis trotzdem 60 $ kostet, also 40 €.
Ein See?- Ein Meer!
Bei strahlendem Sonnenschein erreiche ich am 11. Juni 24 das Ufer des Sees und bin wieder einmal überwältigt von der Maßlosigkeit Kanadas. Der feinkörnige Sandstrand ist kaum besucht, niemand ist im Wasser (16° Grad) und ausgedehnte Spaziergänge bieten sich an. Ja, hier bleibe ich drei Tage, bereite die weitere Touren vor, wasche Wäsche für four “loonies”, wie die Ein-Dollar-Münzen heißen, und schreibe Tagebuch. Zum ersten Mal in Kanada sitze ich abends vor meinem Lagerfeuer. Die Stellplätze hier sind sehr großflächig angelegt, mit Bäumen und Büschen zwischen den Parzellen und eben mit Feuerstelle!
London WS
Zwischen Lake Erie and Huron liegt der südwestliche Zipfel von Ontario, der zu den wärmsten Gebieten Kanadas gehört. 200 km von Toronto entfernt befindet sich die zweitgrößte Stadt von Ontario, London. Und direkt am Fluss dieser Stadt liegt die Waldorfschule. Nun darf man gerne raten, wie der Fluss heißt. Wenn sich die Stadt London nennt, dann muss der Fluss natürlich die “Thames” sein!
London als multikulturelle Stadt
Am Baumarkt “Canadian Tire”, die auch sonntags geöffnet haben (wie alle Geschäfte in Kanada!), kaufe ich ein Verlängerungskabel mit amerikanischen Stecker, damit ich den neu geworbenen Plug-in-charger für 110 Volt auch ohne Adapter nutzen kann. Danach besuche ich in der Innenstadt den Covent Garden Market, wo in der Riesenhalle Essen aus aller Welt angeboten wird. Zusätzlich findet heute noch ein Open Air Konzert statt, verbunden mit Ständen aus gefühlt 70 Nationen; asiatische, afrikanische, mittel- und südamerikanische Länder bieten Einblicke in ihre Kultur, Souvenirs und natürlich kulinarische Spezialitäten an. Mein Eindruck ist, dass von kommunaler Seite viel für die Verständigung mit und zwischen den so verschiedenen Kulturen getan wird!
Mervin und Carol Lewis - das Gründerpaar der LWS
Am Montag morgen betrete ich um 8 Uhr das Schulgebäude, und lasse mich überraschen, ob ich ein Führung erhalten kann. Und wie es das Schicksal will, treffe ich die für Admissions zuständige Dame, die mir gerne die Schule zeigen möchte. Doch zuerst gäbe eine Schulfeier zu sehen. Da ist doch wunderbar! So erlebe ich die Zusammenkunft der Schulgemeinschaft hautnah mit: den Morgenspruch dirigiert der 79-jährige Mervin Lewis, dann kommen die musikalischen und sprachlichen Beiträge der Klassen und am Klavier sitzt der Pionier der Schule und begleitet den Schulsong, den er selber geschrieben hat: “The Song of River Thames”. Und alle 120 Kinder (der Klassen 1-8) singen das Lied lautstark und freudig mit! Das geht unter die Haut! Welche Kraft dieser Mensch hat und welche Präsenz er ausstrahlt. Er begleitet natürlich die Schule nur noch “aus der Ferne”, hilft aber gerne auch mit einzelnen Epochen aus, wenn er gefragt wird. Sein Spezialgebiet sind Elementarwesen; er hat viele Geschichten über Zwerge verfasst und bringt sie den Unterstufenkindern gerne nahe.
Abends werde ich zum Dinner eingeladen und wir erzählen uns gegenseitig von den Anfangszeiten unserer Schulen. Das Verbindende stellt sich sofort ein: Die Schule war unser Leben und das Leben war die Schule! Das hat sich heute natürlich sehr verändert, überall in Europa und Nordamerika.
Darf das Wort Gott noch im Unterricht verwendet werden?
Die Frage nach dem politisch korrekten Umgang mit den Worten Gott, Weihnachten, Christgeburtsspiel, usw. stellt sich nicht nur an der LWS, sondern überall an den kanadischen Waldorfschulen. Darf man eine Religion erwähnen oder benachteiligt man dadurch andere Religionen? Vor dem Hintergrund der vielen Opfer durch die christliche Religion (Bsp. Kindesmisshandlungen und Gräberfunde von indigenen Kindern, die von den Eltern getrennt wurden, um sie an speziellen konfessionellen Internaten zu “europäisieren”) ist diese Frage verständlich und sie wird auch an den Schulen von Eltern und jungen Lehrkräften gestellt. Da hilft nur eine gründliche Aufarbeitung und ein neues Verständnis von Spiritualität. Jede Kultur, allen voran die indigene, gründet in der Annahme eines geistigen Ursprungs von Mensch und Welt. Der Name ist völlig nebensächlich, das Wissen um THE ONE SPIRIT IN ALL ist das Bleibende und Verbindende.
Entzündet hatte sich die Diskussion an dem Spruch”Beim Läuten der Glocken” von R. Steiner, wo es am Ende heißt: “… und lässt ihn (den Menschen ) vertrauen auf göttliches Walten in allem was ist, im Weltenall, im Seelengrund.” Speziell für Kinder ist das Aufwachsen in dem Gefühl, das Leben macht Sinn, heilsam und pädagogisch durchaus gewollt.
Niagara Falls
In der zweiten Juniwoche erreiche ich die Niagara Falls direkt an der Grenze zu den Vereinigten Staaten. Sie sind natürlich ein Muss für jeden Touristen. Und in der Tat, sie zeigen in beeindruckender Weise das offenbare Geheimnis des Lebens.
Schwere und Leichte
Die Gewalt der Wassermassen lässt sich in zwar in Litern messen (150 Millionen Liter pro Minute) oder mit Bildern ausdrücken (8500 Badewannen entleeren sich pro Sekunde !!), aber wem nutzt das was? Das Mit-Erleben dieser Kraft im eigenen Körper, das Hören des Tosen, das Gefühl des endlosen Strömens (es hört ja nie auf zu fließen) offenbart den Urquell des Lebens. Und dazu gehört nicht nur das Gesetz der Schwerkraft, dem das physische Wasser gehorchen muss, dazu zählt auch dessen Verwandlung in Wolkendunst. Feinste Nebel von Wasserdampf quillen ständig nach oben. Aller Schwere enthoben steigen sie zum Himmel auf, vom Wind verweht, im Abendlicht manchmal doppelte Regenbögen erzeugend! In einem Reiseführer heißt es einfühlsam, es zeigen sich “ätherische Schleier” ! Nun, besser kann man es nicht sagen: Wasser ist eben sichtbar und unsichtbar wirkend, es ist schwer UND leicht. Beide Qualitäten schaffen den Kreislauf des Wassers und dieser ist die Grundlage des Lebens auf unserer Erde. Leben IST Bewegung, ist das Pendeln zwischen den Polaritäten, immer neue Formen schaffend und wieder auflösend!
Nun genug davon. Der größere der beiden Wasserfälle liegt auf kanadischer Seite und wird “Horseshoe” genannt, weil die Fälle auf einer Länge von über 600 m einen Bogen beschreiben. Das Wasser frisst sich nämlich ständig mehr ins Gestein hinein, weshalb sich die Form des Hufeisens im Laufe der Zeit verändert.
Und wenn man sich fragt, woher das ganze Wasser kommt, so ist es nicht schwer, die Quelle dafür auszumachen: Alle großen Seen von Nordamerika (Erie, Huron, Michigan, Superior Lake) sind miteinander verbunden und strömen hier dem Atlantik entgegen. Dabei fallen ihre Wassermassen über das Niagara Escarpment, wie diese geologische Stufe genannt wird, 40 Meter hinunter. Nicht die Fallhöhe ist entscheidend, sondern die reine Wassermenge macht die Niagara Falls zur Nummer eins der Welt!
Toronto-
die Weltstadt
Toronto ist die größte Stadt Kanadas mit 3 Millionen Einwohnern aus 160 Nationen (“Greater Toronto” 6 Millionen). Hatten vor dem 2. Weltkrieg noch 80% einen britisch-irischen Migrations-Hintergrund, so ist dieser Anteil auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Toronto ist eine der buntesten Städte der Welt und feiert sich auch dafür. Hier scheinen alle miteinander auszukommen! Auf Schritt und Tritt begegne ich Menschen aus Indien, China und Fernost. Dagegen ist das Ruhrgebiet reinste Provinz.
Toronto Waldorfschool
Am 29. Mai erreiche ich Toronto und versuche an der großen Waldorfschule (TWS) dort zu übernachten. Das Tor ist offen, also fahre ich durch und stelle mich auf einen Visitors Parkingplace. Am nächsten Morgen um 8.00 h, ich will mich gerade im Büro melden, kommt der Hausmeister zu mir und bedeutet mir, dass ich da nicht stehen dürfe. Also erkläre ich ihm meine Situation. Es stellt sich heraus, dass Vadim aus St. Petersburg stammt und eigentlich Heileurythmist ist. Nun erhalte ich eine zweistündige Führung durch alle Räumlichkeiten dieser 12-zügigen Schule - eine Waldorf-Highschool ist eine Besonderheit in Kanada! Die pädagogische Leiterin würde sich bei mir melden, hieß es. Na gut, dann warten wir’s mal ab. Zwei Emails hatte ich bereits vorab geschrieben, die unbeantwortet geblieben waren… Aber auch nach dem Wochenende, also 5 Tage später, bekomme ich keine Rückmeldung. Nur eine Aufforderung, nicht mehr auf dem Schulgelände zu parken und die Schule nicht mehr zu betreten, da ich kein polizeiliches Führungszeugnis vorgewiesen hätte. Ok, sage ich mir, dann nicht. Ich will nichts von der Schule; die Schule sollte inhaltlich etwas von mir wollen. So verlegt sich der Schwerpunkt des Besuchs auf das Altenheim “HESPERUS” und die Christengemeinschaft in der Nachbarschaft.
Schulgebühren von 2000 Can$/Monat
Noch ein kleiner Nachtrag zur TWS, der auch für alle Nicht-Waldorfianer in Deutschland von Interesse sein dürfte. Hier bekommen die Waldorfschule keine staatliche Unterstützung. Deswegen sind natürlich die Schulgebühren für die Eltern entsprechend hoch. Aber wer kann ernsthaft Kosten von 2000 CAN$ (= 1400 €) pro Monat aufbringen? Nur die Superreichen! Entsprechend ist das Klientel der Schule gestrickt: TWS ist eine Eliteschule. Dass es andere Formen der Kostendeckung gibt, werde ich noch erfahren dürfen (London WS). In den Anfangszeiten der TWS war wohl auch Vieles anders. Davon höre ich in den Gesprächen mit den pensionierten Waldorflehrer*innen in Hesperus, dem Altenheim, das seinerzeit als Altersvorsorge gebaut worden war. Eine Rentenversicherung gab’s wohl nicht.
“Hesperus” - der Abendstern
Welch ein Geschenk! Die alten Damen im Altenheim haben viel Zeit und erzählen gerne von den Gründungstagen der TWS. Die Pioniersituation damals erforderte wie überall große Opfer , Leidensbereitschaft und Engagement, damit diese erste kanadische Waldorfschule zu einem Vorbild für die anderen Initiativen wurde, z.B. durch die Zertifizierung als erste (!) anerkannte Waldorfschule durch den Bund der Nordamerikanischen Waldorfschulen (AWSNA). Zuerst gab es nur einen Rundbau mit Saal, genau wie in Mülheim! Die Lehrkräfte bauten selber mit … Die heute weit über 90 Jahre alte Renate Krause war seit 1969 mit dabei und erlebte 1972 die Grundsteinlegung für den Neubau 22 km außerhalb von Toronto Downtown. Heute ist der Stadtteil Thornhill voll ins Häusermeer der Stadt integriert. Solche Geschichten aus erster Hand sind ein Geschenk! Und natürlich kämpfen die jungen Lehrkräfte heute um eine echte Work-Life-Balance an ihrer TWS - ganz wie bei uns in Deutschland! Der Generationswechsel wird von internationalen Themen begleitet.
Kultur pur: Vorträge, Christengemeinschaft, Lehrerbildung
Wenn ich als alter Mensch (also nach meiner Reise und ab 80+) eine neue Heimat suchte, hier würde ich sofort bleiben! Die allermeisten Menschen sind hellwach und fit im Kopf, das kulturelle Angebot ist vielfältig und hochwertig und last not least im Prinzip finanziell erschwinglich …
Gleich am ersten Abend in Hesperus komme ich in den Genuss eines Vortrags über eine der bedeutsamsten russischen Ikonen. Und der Raum ist bis auf den letzten Stuhl gefüllt! Spannend fand ich die Methode der Bildbetrachtung: Vom Äußeren ausgehen, was du siehst, weiterschreiten zum Nachspüren und -fühlen der Gesten, Farben, Formen, um dich dann zu befragen, was der Sinn des Ganzen sein könnte, das “Wort”, das die Ikone geschaffen hat.
Sowohl Freitag als auch Sonntags wurde die “Consegration of Human Being” gefeiert, also die Menschenweihehandlung der Christengemeinschaft. Außerdem ist hier inThornhill/ Toronto das kanadische Priesterseminar beheimatet.
Das ist das Gebäude des Rudolf Steiner Centre Toronto mit Flowform-Brunnen rechts; hier findet Vollzeit- und berufsbegleitende Lehrerbildung statt. Wer bildet das Ausbildungsteam? Meistens die erfahrenen pensionierten Lehrkräfte. Das erinnert an Indien (Sloka Waldorfschool), wo das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird.
Downtown Toronto
Am 1. Juni fahre ich mit Browny zum Park & Ride Place, wo an der Finch Station die Subway Yellow line startet. Mit dem Auto dauert es Stunden, um über die längste Straße der Welt, die Yonge Street, in die Innenstadt zu gelangen. Und selbst heute dauert es anderthalb Stunden, da am Wochenende im Tunnel gebaut wird und ein Shuttlebus die Baustelle umfahren muss. So lerne ich die Staus kennen, ohne selber fahren zu müssen… Dann steige ich an UNION Station aus, nahe der Waterfront, und erschaudere ob der Wolkenkratzer, die auf mich herabschauen. Die Linien der Türme verjüngen sich perspektivisch so krass, dass ich mich sehr klein hier unten fühle. Und ich bin umzingelt von Skyscapern! Mein erstes Ziel ist der CN-Tower, der mit 550 m Höhe bis vor 20 Jahren noch das höchste Gebäude der Welt war. Und jetzt kommt das erhebende Gefühl: Ich schaue aus der Vogelperspektive auf die Hochhäuser neben dem Bahnhof, die so ehrfurchteinflößend gewirkt hatten. Jetzt erscheinen sie wie Zwerge inmitten der anderen viel höheren Wolkenkratzer überall drumrum. Alles ist eben eine Frage des Standpunktes ;-)
Den Besuch der Waterfront schließe ich ab mit dem Besuch des Musikfestivals, das frei angeboten wird, und zu dessen Rhythmen alle tanzen. Es ist eine fröhliche, bunte Gesellschaft, die hier feiert. Imbissbuden bieten internationale Küche an, afroamerikanisch, mexikanisch, indisch, chinesisch, Thai, afrikanisch, …
Ein Mini-Ausschnitt von Eindrücken
Toronto Island
Der Waterfront vorgelagert galt die sandige Insel als ein heilkräftiger Ort für die First nations von Ojibwe und Missisauge First Nation Stämme.
Musikfestival
Es herrscht ein entspannte Stimmung, man unterhält sich, es wird gegessen, später auch getanzt.
Canadian Railway
In einem Ringlokschuppen stehen die alten Dampflokomotiven, die früher die 5000 km-Strecke von der Ostküste bis zum Pazifik bewältigt haben: Sie sind viel wuchtiger und größer als die europäischen Verwandten.
Waldorf Academy Toronto
In Toronto Downtown gibt es noch eine zweite Waldorfschule, die gegründet wurde, als der Fahrweg nach Thornhill (22 km) für viele Familien zu lang war. Zwischen anderen Häusern eingezwängt bietet sie eine Oase für die Kinderseelen. Seit 40 Jahren wird hier nach allen Regeln der Erziehungskunst gelebt, gelehrt und gelernt. Larissa ist Admission Administrator und führt mich den ganzen Vormittag durch die Klassenräume, während der Unterricht weitergeht; in Deutschland wäre das unmöglich, hier scheint es selbstverständlich zu sein, damit neue Eltern einen echten Eindruck vom Waldorfleben bekommen können. Besonderes Highlight: 5. Klasse Pflanzenkunde; Aufgabe, schreibe selber ein Lied zur der Epoche, was dir gefallen hat; Text und Melodie. Ein Junge setzte sich ans Klavier und spielte mir seine Komposition vor. Wow!
Es gibt nur 8 Klassen, also keine Highschool, mit 120 Kindern inklusive Kindergarten. Ja, Larissa kämpft um neue Anmeldungen, damit es im nächsten Schuljahr gut weitergehen kann. Viel Erfolg!
Royal Ontario Museum in Toronto
Wenigstens ein Museum muss ich in Toronto besuchen und ich entscheide mich für das Naturkundemuseum (man beachte die futuristische Architektur!). Es verfügt über eine klar strukturierte Aufarbeitung der Evolution des Lebens auf unserem Planeten, den “Keynotes”. Natürlich streng nach allen Regeln der Naturwissenschaft, klar. Und dabei scheint doch das Wunderbare hindurch, was alles nötig war, dass wir Menschen sein können. Ohne die ersten Lebewesen, die gelernt hatten, Sauerstoff zu produzieren für eine atembare Atmosphäre, ohne die ersten Zellen, die dann von Luft und Licht leben konnten, ohne die ersten Tiere, ohne Kooperation und Koexistenz keine Weiterentwicklung zum Wirbeltier und zum Menschen.
Der Besuch dieses Teil der Ausstellung lohnt sich also sich im Sinne von Christian Morgensterns Gedicht zur “Fußwaschung”, den Steinen, Pflanzen und Tieren für die Ermöglichung unserer Existenz zu danken:
Ich danke dir, du stummer Stein, und neige mich zu dir hernieder:
Ich schulde dir mein Pflanzensein.
Ich danke euch, ihr Grund und Flor, und bücke mich zu euch hernieder:
Ihr halft zum Tiere mir empor.
Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier, und beuge mich zu euch hernieder:
Ihr halft mir alle drei zu mir.
Wir danken dir, du Menschenkind, und lassen fromm uns vor dir nieder,
weil dadurch, dass du bist, wir sind.
Es dankt aus aller Gottheit Ein- und aller Gottheit Vielfalt wieder.
In Dank verschlingt sich alles Sein.
Die Sprache des Gedichtes ist von 1914, in sofern gewöhnungsbedürftig. Aber der letzte Teil deutet das Rätsel an, ob das Ziel der Evolution, der Mensch, immanent in ihr veranlagt war. Konkreter gefragt: War das geistige Wesen des Menschen vor seiner physischen Inkarnation existent, so wie sich das ungeborene Wesen des Kindes erst langsam als Embryo, alle Stadien des Tierreichs im Mutterleib wiederholend, entwickelt und dann erst als Erdenmensch geboren wird? Anthroposophisch formuliert: Wir sehen unsere eigene Natur, wenn wir auf die Naturreiche blicken; auf denjenigen Teil, den wir aus uns “herausgesetzt” und “hinter” uns gelassen haben. Ein großes Thema, das hier nur angedeutet werden kann…
Ottawa -
die Hauptstadt
Am Trinitatis-Sonntag besuche ich die Hauptstadt Kanadas. Es ist eine Reise ins Mittelalter: der Regierungssitz ist im neugotischen Stil erbaut worden und weckt Erinnerungen a das Schloss Neuschwanstein in Bayern; soviele Türmchen und Erker überall. Kein Wunder, dass zur Zeit alles renoviert werden muss, um das Innere den Ansprüchen des digitalen Zeitalters anzupassen.
Parliament Hill
Die Parlamentsgebäude thronen auf dem Hügel über der Stadt wie eine Burg mit gotischer Kathedrale. Tatasächlich war es Queen Victoria, die - noch zu Zeiten der englischen Herrschaft - diese Stadt im Nirgendwo zur Hauptstadt erkor. Denn die beiden Konkurrentinnen um den Titel, Toronto und Montreal lagen zu nahe an der US-Grenze und der Krieg mit den Yankees um die Unabhängigkeit der kanadischen Provinz (1812 bis 15) war noch nicht lange her. Um Ottawa nun verkehrstechnisch an den Ontariosee anzuschließen, baute man einen über hundert Kilometer langen Kanal mit Schleusen! Heute dient dieser “Rideau-Canal” im Winter als öffentliche Eislaufbahn und als Eishockeyplatz. Nach dem 2. Weltkrieg begann Ottawa wirklich aufzublühen und verfügt über die besten Museen und trendigen Einkaufsmöglichkeiten.
Zurück zum Parlament: Im Rahmen einer Führung erlebe ich das typisch britisch geprägte House of Commons, das Unterhaus, mit Speaker vor Kopf, links die Regierungspartei, rechts die Opposition; beide liefern sich lautstarke Gefechte.
Basilika Notre Dame
Durch Zufall stoße ich auf eine Konfirmationsfeier in der Hauptkirche Ottawas. Wir schreiben den ersten Sonntag nach Pfingsten. Der große Fluss Ottawa (ist größer als der Rhein!) trennt das französische Quebec von englischen Ontario und durch die räumliche Nähe ist die katholische Kirche hier sehr präsent; so trägt der Bischof tatsächlich seine Mitra wie der Nikolaus bei uns! Die Sprache der Messe ist Französisch, die teilnehmenden Menschen sind hauptsächlich frankophone Afroamerikaner. Es wird bei den Zeremonien auch geklatscht!
ByWard Market
Am Sonntagabend ist die Innenstadt Ottawas rappelvoll. Vor allem die Shopping- und Restaurant-Meile quillt über vor gutgelaunten Menschen. Die Lokale haben sich farbenfroh herausgeputzt und nehmen auch das Trottoire in Beschlag. Da kann ich nicht widerstehen und kehre bei einem indischen Kebab-Curry-House ein: Für 30 $ (20 €) gibt es ein erstklassiges Buffet mit Chicken Biryani, Paneer in Spinat, sogar Ladyfingergemüse gibt es hier unter den vielen Subjees, süßen Reis und Orangenprasat zum Nachtisch. In Indien könnte es nicht besser sein!
Canadian Museum of History
Am Montag fahre ich über die Brücke des Ottawa Rivers nach Québec, da sich das Museum in der Zwillingsstadt Gatineau befindet. Einen ganzen Tag werde ich in hier verbringen, da es draußen regnet und da es sehr spannend ist, die kanadische Geschichte anschaulich kennenzulernen; viel besser als nur im Reiseführer zu lesen.
Zum einen ist eine ganze Etage den First nations gewidmet. Mit riesigen Totem-Pfählen, mit den verschiedenen Lebensbedingungen der indigenius people - vom Inuit in Labrador über die Prärie-, Wald-, Küsten- und Große Seen-Indianer. So viele verschiedene Sprachen, aber eine gemeinsame Überzeugung, dass die Erde nicht verkauft werden kann. Deine Mutter würdest du auch nicht verkaufen ;-)
Zum anderen wird die Besiedlung Kanadas durch die Franzosen gewürdigt, die eher durch Verhandlungen als durch Kampf das Land zu erwerben versuchten und sich mit den First Nations gut stellten, so dass diese sogar auf der Seite der Franzosen gegen die Engländer kämpften! Dann die 100 Jahre britischer Zeit von 1763 bis 1867, bis Kanada sich selbst regieren durfte als Upper and Lower Canada (Ontario und Québec). Erst später gesellen sich die anderen Provinzen dazu. Eine lange Geschichte!
Kleben und Dichten
Auf dem Weg von Montreál nach Ottawa muss ich eine Pause machen, um Browny wieder auf Vordermann zu bringen. Es gab wieder einen Wassereinbruch an den Fenstern, obwohl ich dachte, ich hätte alles zu Hause repariert. Und die Leisten zum Fußbodenschrank haben sich gelöst, da der Kleber aus Kathmandu offensichtlich nicht wasserfest war.
Baumärkte in Kanada
Bekanntlich geht’s immer irgendwie weiter. So ist es auch hier. Eine alte Dame kommt aus ihrem Haus gelaufen, um Browny zu bestaunen, der unweit der Waldorfschule am Straßenrand in Montreál parkt. In ihrem Haus fand sich keine Schraubzwinge, aber sie gab mir den Tipp, zu einem “Reno Depot” zu fahren. Und wirklich, die kanadischen Baumärkte sich genauso gut ausgestattet wie die deutschen. Und eine Schraubklemme kostet keine 10,- € umgerechnet. Alles gut also. Am Nachmittag versuche ich mein Glück und diesmal bin ich ,mir sicher, dass die Leisten halten werden: Ich benutze Zweikomponenten-Kleber auf Epoxidharzbasis, mit bombenfestem Ergebnis!
Montreál
Mittwoch, der 22. Mai 24
Endlich geht es hier wieder zweisprachig zu. Alle Schilder gibt’s in englischer und französischer Sprache. In der Tat wirkt Montréal offener und universeller; es ist im Gegensatz zu Québec neben Toronto eine echte Metropole mit 1,8 Millionen Einwohnern. Ihren Namen hat die Stadt von der höchsten Erhebung, dem Montréal.
Vieux Cité
Nachdem ich die erste Nacht in Montreál auf dem Parkplatz eines Golfclubs verbrachte habe, dusche ich zum ersten Mal seit einer Woche auf einem Truckstopp an der Stadtautobahn für 12 C$ und fahre in die Altstadt. Zum Glück finde ich dort einen Parkplatz, wo man nach indischer Art seinen Schlüssel abgeben muss, damit die dicht gedrängten Autos vom Personal weggefahren und umgeparkt werden können - für den läppischen Preis von 35 C$!
Nun aber zum Highlight, der Basilique Notre Dame de Montréal. Sie ist 200 Jahre jung, im typischen neugotischen Stil erbaut und innen mit einem sehr katholischen Motiv geprägt: dem Opfer. Das Urbild ist natürlich der Christus, der sich für uns hingibt und in jeder Eucharistiefeier wird seines Opfers gedacht. Umgeben ist das Kreuz von vier anderen Opfern in der biblischen Geschichte: Melchizedek, der schon zu Abrahams Zeiten Brot und Wein darbringt (das Ur-Messopfer), natürlich folgt Abraham selber, wie er seinen Sohn Isaak zu opfern bereits ist, Moses und Aaron mit dem Lammopfer. Es ist die zentrale christliche Botschaft: Du Mensch bringst dich selbst als Opfer für die Menschheit und die Erde ein, dein Leben weihst du im Geiste der “Imitatio Christi”, der Nachfolge Christi.
Die Geschichte Montréals
Montreal liegt eigentlich auf einer Insel im Sankt Lorenzstrom, ursprünglich von den IROKESEN bewohnt, dann von dem Franzosen Maisonneuve 1642 gegründet als Handelsstadt für Pelze. In dem Museum Cité d´archeologie et d´histoire lerne ich die harten Überlebensbedingungen der damaligen Zeit kennen. In den eiskalten und langen Winter sterben die Siedler schnell, was die ausgegrabenen Friedhöfe beweisen. 100 Jahre später zählt das Dorf 4000 Einwohner, weitere 100 Jahre danach, also 1842 bereits 40 000, mit der Industrialisierung beginnt der Boom zur Großstadt mit 400 000 Menschen und heute leben im Großraum Montreáls 4 Millionen!
Der alte Hafen ist heute wie in Halifax und Québec einem Freizeitpark gewichen, in dem sich die Menschen vergnügen können. Flanieren, Essen, Shoppen, Musik, Zirkus, und Vieles mehr wird angeboten.
Ecole Rudolf Steiner de Montreál
Am Donnerstag nach Pfingsten besuche ich die Waldorfschule von Montréal. Die Chefin der Verwaltung, Judith Langevin, nimmt sich viel Zeit für mich und zeigt mir den dreigruppigen Kindergarten und die 8 Klassen. Zur Zeit besuchen 170 Kinder in der Schule, die Räume sind in einer alten Stadtbücherei untergebracht. Die Unterrichtssprache ist natürlich Französisch, so dass ich von vornherein ausschließe, hier zu mentorieren. In dem wöchentlichen Treffen der Administration, zu dem ich spontan eingeladen werde, erfahre ich Einiges über die Situation der Schule. Die Auflagen von staatlicher Seite sind groß, so müssen zum Beispiel die Kinder regelmäßig zentrale Prüfungen ablegen! Und für den Aufbau einer eigenen Oberstufe würde die Schule viel Geld benötigen, um die Auflagen zu erfüllen.
Und immer wieder sind die Lehrergehälter ein großes Thema; man hofft fürs neue Schuljahr eine Anhebung auf 4000,- C$ (= 2700 €) brutto hinzubekommen, damit die Lehrkräfte auskömmlich leben können. In Kanada sind die Lebenshaltungskosten mindestens doppelt so hoch wie in Deutschland!
Biodrome und Arboretum am Olymipagelände von 1976
Einen Tag nehme ich mir, um das Olympiastadion und -gelände anzuschauen. Sehenswert ist in jedem Fall das Biodrome, ein riesiges überdachtes Gelände mit 5 verschiedenen Biotopen, vom Regenwald, über die Fauna und Flora der Ahornwälder und des St. Lorenzstroms bis zu den Küsten von Neufundland und der Arktis. Biber und Füchse, Pinguine und Störe sind aus der Nähe zu erleben.
Der Botanische Garten ist der drittgrößte der Welt nach Berlin und London und verfügt über ein erstklassig aufgebautes Arboretum, für das ich mich sehr interessiere. Es zeigt die ganze Vielfalt der Ahornbäume Kanadas, besonders natürlich des Zuckerahorns, der den Ahornsirup liefert. Sein Blatt ziert auch die kanadische Flagge. Die Ausstellung über die Bäume gibt den Stand der Forschung wider: die Wälder verfügen über die Luft und den Boden über eine WWW, ein WoodWideWeb, über das miteinander in Kontakt stehen. Alles, was von außen betrachtet so statisch aussieht, ist in Wirklichkeit in ständiger Bewegung, vom Saftfluss über den Luft-Atem, die Botenstoffe im Boden über die Pilzgeflechte vermittelt, etc. Das bietet die Grundlage für ein ganzheitliches Verständnis des Ökosystems Wald.
Québec
Die einzige rein frankophone Provinz Kanadas er-fahre ich am Sankt-Lorenz-Strom. Diese gewaltige Wasserstraße ist bis heute das Tor vom Atlantik zu den großen Seen Nordamerikas, den Lakes Ontario, Erie, Huron, Michigan und Superior. Der Franzose Jacques Cartier erkundete die Ufer hier schon kurz nach der Entdeckung Amerikas, also Anfang des 16. Jahrhunderts, 1604 gründete Samuel de Champlain die erste Siedlung Québec und die Kolonisierung der Neue Welt begann.
Québec Cité
Die Hauptstadt der Provinz Quebec ist die gleichnamige Cité. Sie strahlt den Charme der guten alten Zeit aus, mit Stadtmauer und Türmen, neugotischer Architektur, “alten” Häusern und großzügigen Plätzen. Vor allem die großen Parks locken an diesem Pfingstwochenende die Québecoise hinaus in die Sonne. Es wird Volleyball, Frisbee und natürlich auch Boule gespielt, in Badehose und Bikini lässt man sich zum ersten Mal in diesem Jahr die Haut bräunen und alle genießen das Picknicken im Freien. Wenn die Sonne scheint, wird es schnell 27° Grad heiß! Nun starte ich meine Tour durch die Geschichte der Stadt, während ich Browny am Rand des großen Schlachtfeldes von 1759 stehen lasse.
Die kriegsentscheidende Schlacht am 13.9.1759
Natürlich war Québec seit 100 Jahren Teil von Neu-Frankreich, als die Engländer den Königsblauen die Kolonie streitig machten und um die Vorherrschaft in der Neuen Welt kämpften. Der siebenjährige Krieg ist ein trauriges Kapitel der europäischen Großmachtbestrebungen. Die First Nations sind lediglich Spielball und Kanonenfutter. Kurz gesagt verlieren die Franzosen unter ihrem General Louis-Joseph Montcalm die Schlacht um Quebec gegen eine kaltblütig abwartende englische Armee: Diese lassen die Blauröcke auf 40 Meter heran reiten und schießen dann auf ein Kommando ihres jungen Generals James Wulfe alles nieder. Der Plan wirkt verheerend auf die Moral der französischen Soldaten: Sie fliehen und später kapitulieren. Hundert Jahre britische Herrschaft beginnen nun überall zwischen Atlantik und Hudson Bay bis zu den großen Seen. Erst 1867 wird es einen Staat Kanada geben.
Der Blick von der Citadelle ist atemberaubend: über die Altstadt und den Hafen zum Sankt Lorenzstrom!
“Je me souviens” -als Lebensgefühl
Das Motto heißt “Ich erinnere mich”. An diese Schlacht, an die gute alte Zeit unter französischer Herrschaft, na ja an alles, was eben besser war und wo man wieder hin möchte. Nicht zuletzt gab es seit 1970 mehrere Abspaltungsversuche Quebecs vom Rest Kanadas! Zum Glück hat sich die Mehrheit der kanadisch fühlenden Menschen gegen einen Quexit entschieden. Selbst auf den Nummernschildern der Autos befindet sich das Motto. Unfassbar!
Es wurde vom Architekten des Parlamentes von Québec Ende des 19. Jahrhunderts auf das Wappen geschrieben, was man historisch ja noch verstehen kann. Aber heute denkt die Jugend zum Glück kanadisch.
Bay of Fundy
Das Bay of Fundy bietet nicht nur ein großartiges Panorama auf die Landschafr der Arkadier, der ersten französischen Siedler hier, sondern auch auf den Hotspot des größten Gezeiten-Schauspiels der Welt!
Cape Split
Das Cape Split teilt den Bay of Fundy in das Scots Bay und Minas Bay wie ein Krummsäbel. Es gibt einen Parkplatz am Eingang zum Provicial Parc 8 km vom Cape entfernt, wo ich auch wunderbar zwei Nächte verbringe. Die Wanderung zum Cap zählt zu den Highlights der Naturerfahrung: der Frühling zaubert gerade die Blütenteppiche unter den Ahornbäumen hervor, bevor diese sich belauben und die Farben verdunkeln. Das sibirische Tellerkraut verwandelt den braunen Boden in ein weißes Kleid! Dazwischen leuchten die roten Waldlilien hervor mit ihren drei weinroten und drei grünen Blumenblättern. Ohne Werbung machen zu wollen: Aber die App PictureThis ist überaus hilfreich, all die mir fremden Pflanzen zu erkennen: den gefingerten Lerchensporn, das kanadische Schattenblümchen, den Knotenfuß,…
Tidenhub bis 15 Meter!!!
Laut Guinessbuch der Rekorde steigt die Flut im Bay of Fundy auf bis zu 15 Metern an. Das ist mehr als irgendwo sonst auf der Welt! Die Atlantikflut drückt alle 12 Stunden mehr als 160 Milliarden Tonnen Salzwasser in die trichterförmig zulaufende Bucht! Welch eine Möglichkeit für Gezeitenkraftwerke hier.
Hopewell Rocks- Natures Works of Art
In französischer Sprache heißen die Rocks: Le Chef d‘Oeuvre de la Nature! Also die Natur als Künstlerin, die hier ihre Meisterwerke zeigt. Ja, es ist wirklich beeindruckend, wie die Gezeiten die Felsen plastisch gestaltet haben: manchmal wie zwei Köpfe, die sich küssend vereinen, oder wie Tore und Säulen, die ins Meer ragen.
Zur Zeit ist der Tidenhub nicht so stark wie zu Neumond, wenn sich die Kräfte von Sonne und Mond vereinen und zu Springfluten führen. Jetzt beträgt der Höhenunterschied „nur“ 8 Meter. Das Meer zieht sich weit zurück und nähert sich immer schneller ansteigend, zuletzt mit zwei Metern pro Stunde dem Ufer.
Provinz New Brunswick mit Fredericton
Wer hätte gedacht, dass sich hinter dem Namen der zweiten Atlantikprovinz der Name „Neu Braunschweig“ versteckt? Die gelb-rote Flagge zeigt ein Segelschiff; war die Küste doch die Verbindung zur Alten Welt. Die Hauptstadt heißt Fredericton und liegt am Saint Johns River. An dessen Ufer übernachte ich und besichtige die Stadt am nächsten Morgen.
Fredericton mit Parlament und Art Gallery
Die Provinzhauptstadt ist ein Dorf im Vergleich zu den anderen Hauptstadten in Kanada. Mit 56000 Einwohnern ist es viel kleiner als unser Mülheim an der Ruhr! Aber es verfügt über ein Parlamentsgebäude aus dem Jahr 1890, das sich sehen lassen kann. Im wahrsten Sinne des Wortes darf ich die Sitzung der Abgeordneten von der Tribüne aus beobachten (leider nicht fotografieren). Hier regieren zur Zeit die Konservativen gegen die Liberalen und die Grünen. Immer noch hat das United Kindom of Britain hier einen Gouverneur aus alter Tradition. Sogar die Königin bzw. jetzt der König hat einen eigenen Thron hier stehen, auf dem nur er sitzen darf. Wenn man als relativ junge Nation wie Kanada (seit 1867) nur über eine 150-jährige Geschichte verfügt, bedient man sich zwangsläufig uralter Traditionen… Zeitgemäß ist das allerdings nicht mehr.
Die Beaverbrook Art Gallery ist ganz modern gebaut und beherbergt einige bedeutende Werke wie von Cranach,Turner und Dali, der mit einem „Riesenschinken“, einem surrealistischen Saint James, vertreten ist.
Knowlesville Art&Craft Centre
Diese Lebensgemeinschaft 100 km westlich von Fredericton hat eine kleine Waldorfschule gegründet. Deshalb bin ich vor dem Pfingstsonntag hierhergefahren. Kaitlin Brown von der Seraphim Community in Blockhouse/NS gab mir diese Adresse mit dem Hinweis, dass es sich eher um eine waldorfinpirierte Schule handle. Die beiden Gründer, Teagan und Leland, würden auch die ENKI-Pädagogik hineinbringen. Was ist das bitte, fragte ich? Diese sei ganz auf Natur- und Erlebnispädagogik ausgerichtet. Auf dem Lande -und
New Brunswick ist so groß wie Westdeutschland- gibt es das Konzept des „Homeschooling“, die Kinder lernen also zu Hause . Ergänzend dazu treffen sie sich in kleinsten Schulen wie früher auf dem Dorf, d.h. in gemischten Klassen. Selbst das kanadische Schusystem setzt stark auf Unterricht im Freien, passend zum Pioniergeist der Immigration Nation. In der Waldorfszene nennen wir es Erlebnispadagogik!
New-Age-Bewegung statt McCain-Industrie-Landwirschaft
Durch die Gespräche mit Teagan und Leland erfahre ich etwas von der Geschichte der 68er Bewegung in Nordamerika. Die Besinnung auf ein anderes, ganzheitliches Leben führte raus aus den Städten hin aufs Land, wo die Werte von friedlichem Zusammenleben in Communities und spiritueller Entwicklung des Einzelnen realisiert werden können. Gerade die buddhistische Philosophie und Praxis verbreitete sich durch die Shambala-Bewegung aus Colorado bis hin nach Kanadas Osten.
Hier treffen sich also die alternative Szene und die alteingesessen Kartoffelbauern von New Brunswick. Auf den riesigen Feldern wird ein Drittel der Pommes des Welt geerntet! Die Brüder McCain haben hier ihr Stammwerk zur Produktion von Pommes frites. Sie stellen allein hier in jeder Stunde 700 Tonnen Pommes her! Man kann sich vorstellen, dass hier Welten aufeinander treffen.
Neustart im Mai 2024
Nach einem halben Jahr zu Hause in Mülheim geht die Reise wieder los. Endlich! Diesmal ist der amerikanische Kontinent das Ziel. Damit ändert sich nicht nur die Himmelsrichtung in “Go West!”, sondern vor allem auch die völlig andere Erfahrung von Kultur und Natur. Ich bin sehr gespannt, was die Erstberührung an der kanadischen Atlantikküste bringen wird …
Am Hamburger Hafen
Am 15. April sticht der Frachter mit meinem Overlander von Hamburg aus in See. Es ist diesmal kein Containerschiff, sondern ein Roll on-Roll off -Frachter, der “Browny” mitnimmt. Das heißt, das Schiff verfügt über sieben Etagen mit Stellplätzen im Innern, auf denen vor allem Neuwagen von Europa nach Amerika transportiert werde können. Ich stehe also vor einem riesigen Parkplatz mit niegelnagelneuen VWs, Mercedes’ und BMWs, die alle vom Personal in den Schiffbauch gefahren werden. Das ist viel besser, als die Autos per Container zu verschiffen! Und es ist auch günstiger, da die Containergebühren wegfallen. Zwei Wochen dauert die Überfahrt vom Oswaldkai/HH nach Halifax in Kanada. Am 29.4. soll die Riesenfähre ( 230m lang, 34m breit) an den Docks dort festmachen.
Kanadas Weite
Direkt hinter meinem ersten B&B- Zimmer beginnt die weite und durchaus rauhe Natur. Wellen aus Granit ragen aus den noch unbelaubten Bäumen heraus. Erst am Atlantik begegnen sich die zwei Gegensätze von Festland und Meer.
Die “Neue Welt” ist ganz anders als gedacht!
Mit dem Flugzeug lande ich am 29. April in Halifax. Alles ist anders, als ich dachte! Das Wetter ist noch winterlich kühl, also im einstelligen Bereich. Gefühlte drei Grad durch den kalten Wind, der um die Ohren pfeift. Die Bäume sind noch kahl und die Sonne macht sich rar, die Provinz Neuschottland, eine der sog. Maritimes, liegt unter einer Wolkendecke im Grau.
Aber auch die Preise fühlen sich an wie in einer anderen Welt: Alles ist zwei- bis dreimal so teuer wie in Deutschland! Die Reiseführer von 2020 sind wohl hoffnungslos veraltet, da in den letzten fünf Jahren die Preise hier explodiert sind. 100 Gramm Gouda kosten 5 CA$, das sind 3.50 €! Ob Joghurt, Milch, Brot, Gemüse, Obst - alles scheint unerschwinglich sein. Ebenso ist es mit den Preisen für eine Unterkunft: Unter 100 CA$ findet man kein Airbnb- oder Booking.com-Zimmer. Die Preise fürs Leihauto - zugegebenermaßen vor Ort gebucht - liegen bei 100 € am Tag. Da die Entfernungen groß und das öffentliche Verkehrsnetz nicht besonders gut ausgebaut ist, entscheide ich mich für ein Leihauto, um die Umgebung erkunden und die notwendigen Strecken zwischen Unterkunft und Logistic-Unternehmen und vom Zoll zum Hafen zurücklegen zu können.
Halifax, die Hauptstadt der Provinz Nova Scotia”
Erst vor 250 Jahren wurde die Stadt von den Briten richtig ausgebaut und befestigt. Das Fort auf dem Hügel über dem Hafen zeugt von dem kriegerischen Willen, sie gegen die Angriffe der Franzosen zu verteidigen. “British Steel “ ist in die Kanonen eingraviert! Ansonsten haben sich die Docks der letzten 200 Jahre an andere Stellen verlagert, so dass die Waterfront in Downtown Platz für Restaurant und Shopping bietet. Sehr fein und schön!
Die Südküste von Neuschottland
Bei diesen Temperaturen zieht es mich nur noch in den Süden! Es stimmt leider wirklich, dass man erst Mitte Mai nach Kanada Reise solle. Also lasse ich erst mal die nördlich gelegenen Provinzen aus und besuche „the South Shore of Nova Scotia“.
PEGGY‘s COVE
ist der touristische Magnet an der Küste bei Halifax. Der Leuchtturm steht am Ufer der Granitküste und wirkt als Ort der Hoffnung für die Schiffe im sturmgeprüften Atlantik. Schilder warnen die Touristen, dem Meer nicht zu nah zu kommen, da tückische Wellenbrecher schon so manchen leichtsinnigen Menschen verschluckt haben!
Am Mahone Bay übernachte ich auf einem der wenigen Parkplätze. Hier in der Bucht weht der Wind nicht mehr so stark und es gibt sogar einen kleinen Sandstrand. Nur zum Angucken bei 7 Grad Wassertemperatur 😉
South Shore Waldorf School
Die einzige Waldorfschule in Nova Scotia
Am Freitag, den 3. Mai 24, besuche ich die kleine Waldorfschule in der Nähe von Lunenburg. Sie hat ca. 70 Schüler*innen in den Klassen 1 bis 9, wobei jede Klasse aus zwei Schuljahren besteht, also z. B. dind das 2. und 3. Schuljahr in einer Klasse. Immerhin besteht sie schon seit 30 Jahren.
Lustigerweise wurde die Waldorfschule von einem ehemaligen Mitstudenten aus Dornach mitgegründet: Martin Dumke war mit mir im Naturwissenschaftlichen Studienjahr bei Dr. Bockemühl und wollte als Demeter-Bauer tätig werden. Da Deutschland zu klein sei, so meinte er vor 40 Jahren, würde er Kanada als Standort für sein Projekt wählen. Die Schule gibt’s immer noch!
Nationalpark „Kejimjuijk“
An meinem ersten Wochenende in Kanada besuche ich den größten Nationalpark in Nova Scotia. Hier lebten seit Jahrhunderten die Mi‘kmac-Indianer und nannten das Gebiet mit den vielen Seen „Land der Elementarwesen“. Was heute noch hier elementar zu spüren ist:
F R I E D E N
Alles atmet um dich die Ruhe und Schönheit der Natur. Ursprünglichkeit - wie zu Beginn der Schöpfung. Und du kannst diese Atmosphäre wirklich einatmen. Es ist ein Ort zum Auftanken für Seele, Körper und Geist.
Die Arbeit beginnt
In der zweiten Maiwoche kann ich in der 2./3. Klasse bei Ben hospitieren. Er ist erst seit kurzem an der Schule und macht seine ersten Erfahrungen an einer Waldorfschule. Insofern nimmt er meine Hilfe gerne an und ich unterstütze ihn in seiner Arbeit mit den 9 Kindern. Es geht relativ familiär in der Klasse zu. Also ganz anders als in meinen alten Klassen in Mülheim, wo ich 20 Jahre lang 40 Kinder zu unterrichten hatte.
Es ist schön zu erleben, dass die Arbeit als Mentor Früchte trägt!
Ich begegne netten Eltern an der Schule, die mich einladen, bei ihnen zu wohnen. Wer könnte es abschlagen, direkt an einem der tausend Seen zu übernachten? Die Bilder zeigen die Schönheit der Natur um das Haus.
Seraphim community
Es gibt noch eine weitere Waldorfinitiative hier in Blockhouse. Sie hat ein anderes Konzept und bietet eine echte Alternative zur South Shore Waldorf School. Lernen in einer ganzheitlichen Umgebung: in der Natur, mit Tieren, Gartenbau, Bach, in einer Jurte mit Holzofen und nicht zu vergessen in einer anthroposophischen Lebensgemeinschaft. Vormittags ist klassischer Hauptunterricht in Klassen von 1 bis 7 , nachmittags wird den Kindern klassenübergreifend Kunst, Handwerk und praktische Aktivitäten wie Bootsbau angeboten. Vor allem die Atmosphäre überzeugt mich: so liebevoll gestaltete Epochenhefte, eine klare Struktur im Unterricht und die Jahresfeste werden lebendig gefeiert!
Am Samstag, den 11. Mai 2024, findet das „Mayfair“mit allen Eltern und Freunden statt.
Kontakt: seraphimcommunity.ca